Volkers Törnbericht zur ARC 2013


Atlantiküberquerung 24. 11. – 13.12.2013

Ich hatte das große Vergnügen an der ARC 2013 teilnehmen zu können. Schon fünf Tage vorher angereist, konnte ich an sämtlichen Vorbereitungen mitwirken. All diese Schiffe und Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, boten zusammen mit dem Rahmenprogramm der ARC Veranstalter einen eindrücklichen Anlass, den ich niemals hätte missen wollen.

Am Samstag 23.11. besuchte ich zusammen mit Andreas, dem Eigner unserer Oyster 53 Dragonfly, das Skipperbriefing. Bezüglich der Wettersituation bestätigte uns Chris Tibbs, der Wettermann der ARC, dann unsere Informationen der letzten Tage: Über dem Atlantik zieht ein Sturmtief langsam nach Nordwesten, wobei Dreher noch möglich sind. Gleichzeitig bildet sich südöstlich der Bermudas ein neues grosses Tief, welches das Wetter für die kommende Woche bestimmen wird.
Er empfiehlt die sichere südliche Route nahe der Cap Verden zu nehmen, mit der Gefahr grösserer Flautengebiete. Solchen, die die nördliche Variante wählen wollen, wünschte er viel Glück!

Nach einer nochmaligen Lagebeurteilung an Bord entschieden wir uns für die direkte Route, mit Tendenz gegen Norden. Die richtige Wahl, wie sich später zeigen sollte.

Abschiedskonzert in Las Palmas


Am Starttag standen wir bereits früh auf und waren wie alle anderen auch, ein wenig nervös. Auf den Stegen herrschte viel Betrieb. Die letzten Handgriffe und Abschiedsküsse.
Die Hafenband bläst uns noch ein La Paloma bevor wir die Leinen los werfen und für ein paar Probeschläge auslaufen. Die Ziellinie durchlaufen wir mittags auf dem Vorwindkurs im hinteren Teil des gewaltigen Seglerpulks bei aufziehenden Regenwolken.
Der Wind nimmt zu und wird kurz stürmisch und böig. Einige Yachten unterschätzen dies.
Bereits jetzt gehen die ersten Gennaker und Bäume zu Bruch und ein paar Schiffe müssen zurück in den Hafen.
Für uns geht es mit Kurs 240° und 6 -7 KN Fahrt in die erste Nacht hinein. Wir sind zu viert an Bord: Andreas, Hajo, Edwin und ich. So einigen wir uns auf eine dreistündige Einzelwache, beginnend jeweils um 19:00 Ortszeit. Dies hatte den Vorteil, dass man nachts nur einmal Wache hatte und die restliche Zeit theoretisch schlafen könnte.

Doch war das Schlafen in der Bugkabine, vor allem bei Krängung und starkem Seegang für mich die größte Herausforderung auf diesem Törn. Trotz Leesegel rollte man ständig umher, krallte sich irgendwo fest oder wurde durchgeschüttelt. Und während ich dann nachts so wach dalag und dem Ächzen und Schlagen zulauschte, mutete es einen schon seltsam an, dass man nur durch wenige Millimeter Kunststoff vor dieser fauchenden See geschützt war und es darunter mehrere tausend Meter in die Tiefe ging…Aber erstens machte ich das ja freiwillig und zweitens gewöhnt man sich schnell an fast alles.
So kam der nächste Morgen und nur noch wenige Yachten waren in Sichtweite. Gegen Mittag fingen wir unseren ersten Thunfisch, zerlegten und verspeisten ihn. Die Routine an Bord kehrte langsam ein, es wurde Nacht und wieder Tag. Dienstags setzten wir den Gennaker zu dem Gross glitten mit 9 KN über die nicht allzu bewegte See. Der Wind legte auf über 20 KN zu und für die Nacht bargen wir lieber den Gennaker wieder und ersetzten ihn durch Genua und Stagsegel. Immerhin noch 7 KN Fahrt, welche wir bis Donnerstag Morgen 28.11. durchhielten.

Der Wind flaut ab und das Meer wird spiegelglatt. Ein entspannter Bootstag und Zeit für GoPro- Aufnahmen. Gegen Abend frischt der Wind wieder auf und bläst in Böen bis 35 KN. Eine mühsame Nacht steht bevor. Freitags immer noch 15 - 25 KN Wind, diesmal aus Süd.

Der gefangene Mahi-Mahi muss wegen der Krängung lang auf seine Zubereitung warten.


Nach einer kurzen Wetterberuhigung legt abends der Wind wieder zu und erreicht in der zweiten Nachthälfte Spitzen von 37 KN. Gleichzeitig dreht er auf NW. Alles ist sehr anstrengend, da wir am Wind mit extremer Krängung fahren, der Wind ständig dreht und es zudem wie aus Kübeln schüttet. So hatte ich mir die „Barfußroute„ nicht vorgestellt. Doch Hajo scheint das alles zu genießen, er ist wie entfesselt.

Seit 3 Tagen hatte uns die Merryn, eine englische Grand Soleil 50, begleitet und wir hatten mehrmals Funkkontakt. Nun aber dreht sie bei und meldet sich bei uns ab.
Zeitgleich werden wir von der Lumpolumpo, einer Minitransat Pogo, angefunkt und gebeten, auf unser Vorfahrtsrecht zu verzichten. Wir ändern den Kurs und geben noch den neusten Wetterbericht mit. Eigentlich sinnlos, das gerade durchlaufende Tief stand auch auf keine Wetterkarte.

Scheinbar wird die gesamte Wettersituation dieser ARC durch kleinere, aber heftige Tiefs bestimmt und es ist die große Kunst von einem Tief zum anderen zu „springen„.
Das scheint uns bis dahin gut gelungen zu sein, tragen wir doch auf dem „ARC Fleettracker„ ständig ein Krönchen und liegen auch im Gesamtklassement weit vorne.

Wetterlage am 30.11.2013


Die Wettersituation Ende November beschreibt die „Free Spirit„ (CYM), welche ungefähr unseren Kurs hielt, recht gut:
„It’s been a tough past 24 hours, with winds through Friday night climbing to low 20 with persistent rain. As the winds picked up through Saturday morning, rain intensified, and we then hit a very severe squall line moving north-east up the Atlantic. Our max wind measurement was 42 knots, and we had about 20 minutes in the high 30s. Lightening was flashing around us, and the sea state changed, with the peaks of the chop over the 4 - 5m swell being blown off into a spray by the strong wind, and beaten down by the rain, visibility was very minimal!“

Montag 02.12. beruhigt sich die Lage. Wir müssen gar den Motor zuschalten und laufen unter Stützsegeln 7 KN. Ich habe Zeit das Unterliek der Genua zu nähen. Am Kutterstag gesichert hänge ich über der Reling und flicke das ausgefranste Segel. Die Naht hält bis Törnende!

Gewaltige Stimmungen auf dem Meer


Die zweite Woche ist bestimmt durch wechselnde Winde und einige Pannen. Unter Gennaker reißen beide Fallen, und wir müssen das Segel jeweils wieder aus dem Meer fischen. Edwin ziehen wir in den Mast und er schlägt zwei neue Fallen an außen liegende
Umlenkrollen an. Ich versuche das Schiff im Wind und zur Welle zu halten, um die Mast-bewegung zu minimieren. Dabei stelle ich fest, dass sich zwei Wellenbilder überlagern.
Einerseits die Dünung aus dem sich aufbauenden Passat und andererseits die kräftigen Wellen aus dem durchgelaufenen Tief. Daher also die Unruhe auf dem Atlantik!

Edwin ersetzt die Fallen


Nachdem wir den Gennaker gesetzt und ausgebaumt haben, machen wir wieder ordentlich
Speed: 8-9 KN. Etwas euphorisch geworden rollen wir nun das Großsegel voll aus. Und noch bevor wir alles durchgesetzt und eingestellt haben, schlägt uns eine gewaltige achterliche Welle quer. Eine zusätzliche Böe drückt von vorne in den Gennaker. Als alles weder zurückschlägt sind die Kräfte für das in die Jahre gekommene Tuch zu groß. Der Gennaker reißt unterhalb des Trichters und entlang des gesamten Vorlieks.
Wieder fischen wir alles aus dem Wasser, haben aber nun unsere stärkste Waffe verloren.

Der Atlantik lebt


Während wir nun mit verschiedenen Segelstellungen versuchen erneut Geschwindigkeit
zu machen, kämpfen wir gleichzeitig mit der achterlichen Welle, welche für den Atlantik ungewohnt steil und kurz ist. Wir schätzten die Wellenhöhe auf 5- 6 m und häufig waren massive Brecher dabei.
Frustriert mussten wir mit ansehen, wie eine Yacht nach der anderen an uns vorbeizog, und wir im Klassement stark zurückfielen.
Erst als wir mit ausgebaumter Genua und Stagsegel bei weggenommenem Groß wieder ruhiger im Wasser lagen, baute sich auch der Speed allmählich wieder auf. Der Kompass-kurs ist mittlerweile 270 °, also WSW! Äh? Stimmt aber, die Missweisung beträgt -17 ° !
Eines der Boote, welches uns eingeholt hatte, war die österreichische Adrienne mit Thomas und Tanja als Skipper. Sie hatten in einem Squall den Baum gebrochen, fuhren aber unter Vollbeseglung unbeeindruckt weiterhin!

Die Adrienne in einem Wellental


Mit dem Donnerstag 12.12. endete eine sehr unruhige Nacht. Bei 25 KN Wind und einer sehr ruppigen See machen wir bis 8- 9 KN Fahrt. Abends duschen und rasieren uns nochmals, denn in der Nacht auf Freitag sollten wir in St. Lucia eintreffen.
Spannender konnte ein Zieleinlauf kaum sein. Gleichzeitig 5 Schiffe drängen auf die Ziellinie zu. Während wir uns zurückhalten, rammt die englische Merlin III am Ende sogar noch das Zielschiff.
Doch bei uns herrschte Freude. Um 03:40 Ortszeit hatten wir die Ziellinie überfahren.
Die zuvor angereisten Frauen, Nicole, Meggi und Petra standen am Ufer mit Taschen-lampen und begrüssten uns. Ein ARC Komitee war an den Steg gekommen und es gab den Begrüßungskorb. Mit der gesamten Crew der Adrienne (samt einem nicht mehr ganz nüchternen Profimusiker) wurde bis in den Morgen gefeiert, gesungen und viel gelacht.
Auf dieser Segelreise habe ich viele neue Erfahrungen gesammelt und schöne Freund-schaften geschlossen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Man kann über die ARC denken was man will. Ich finde diese Rally toll, ist sie doch auch ein gesellschaftliches Ereignis. Und über den Atlantik segeln muss schliesslich jeder selbst.
Ach übrigens, wir errangen in unserer Gruppe D dann doch noch den dritten Platz.

Prizegiving Ceremony
Im oberen Teil des Bildes sieht man das Zielfoto von unserer Dragonfly.
Startseite -   Links -   Impressum -   AGB's -   Haftungsausschluss